Die Breuninger Stiftung begleitete die Entwicklung des Fokus-Aktionsplans Inklusion sowie die Gründung des Beirats für Menschen mit Behinderung der Landeshauptstadt Stuttgart. Winfried Specht ist eines der Mitglieder – kritisch, engagiert und mit der Fähigkeit gesegnet, druckreif zu formulieren.

von Texterkolonie

„Ich erinnere mich noch genau: Als ich ein kleiner Junge war und Hörbücher aus der Hörbücherei bestellte, kam ein paar Tage später per Post eine große Kiste mit lauter Tonbändern wie zum Beispiel einem vorgelesenen Karl-May-Buch. Also richtige, große Tonbänder!“, erzählt Winfried Specht. „Das war für mich als blinden Jungen, der Literatur auch hören wollte, immer ein toller Moment.“

Später wurden die Tonbänder von der Kassette und noch später von der CD abgelöst. Die CDs verfügen über das sogenannte DAISY-Format, das es ermöglicht, die Bücher komfortabel nach Überschriften, Seiten und anderen Möglichkeiten zu gliedern.

Es hat sich also über die Jahrzehnte vieles getan in Sachen Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung – doch noch immer gibt es Bereiche im öffentlichen Leben, in denen man etwas verbessern kann. Doch das gelingt nur, wenn man den betroffenen Menschen eine Möglichkeit gibt, aktiv an Veränderungsprozessen in der Gesellschaft beteiligt zu sein und mitreden zu können.
Diese Möglichkeit wurde nun ins Leben gerufen mit der Gründung eines Beirats für Menschen mit Behinderung der Stadt Stuttgart – und eines der Mitglieder ist Winfried Specht.

„Der Beirat besteht unter anderem aus körperbehinderten Menschen, Blinden, psychisch Kranken, Eltern von Autisten, Menschen mit Mukoviszidose und einigen mehr.“ Anlass war das Behindertengleichstellungsgesetz des Landes Baden-Württemberg, das den Kommunen einen verbesserten Umgang mit Themen von Menschen mit Behinderung ins Hausaufgabenheft schrieb.

Für mehr Zugehörigkeit

Gemeinsam mit der Landeshauptstadt Stuttgart hatte die Breuninger Stiftung von Oktober 2014 bis Mai 2015 einen Prozess zur Beteiligung von Menschen mit Behinderung durchgeführt. Das Ergebnis ist der sogenannte „Fokus-Aktionsplan Inklusion“; ein Plan mit den dringlichsten Handlungsfeldern und Maßnahmenvorschlägen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Stuttgart. Alle Ideen und Vorschläge waren gemeinsam mit betroffenen Menschen, Vertretern aus Verwaltung und Politik, Experten und Engagierten der Behindertenhilfe gemeinsam diskutiert und entwickelt worden. Bereits im Beteiligungsprozess wurde gefordert, dass für Menschen mit Behinderung in Stuttgart mehr Möglichkeiten zur Partizipation und politischen Teilhabe geschaffen werden sollen. Um das zu erreichen, sollte ein Beirat gebildet werden, in dem Menschen mit Behinderung aktiv mitwirken können. Er ist auch aus politischer Sicht wichtig, weil der Beirat zu allen Anliegen, die Menschen mit Behinderung in Stuttgart betreffen, Empfehlungen, Anregungen und Vorschläge an den Gemeinderat und die Verwaltung richten kann. Die Empfehlungen des Gremiums müssen angehört werden, dadurch kann der Beirat zur festen Größe in der Stadtpolitik werden.

Gerne ist das Team der Breuninger Stiftung dem Wunsch nachgekommen, den Workshop zur Suche nach akzeptierten Mitgliedern zu begleiten und zu moderieren. Mit der Gründung des Beirats im Juli 2016 hat das Team der Breuninger Stiftung seine Aufgabe beendet und überlässt das Handeln allein den Mitgliedern – mit einem lachenden und einem weinenden Auge „Ist schon traurig, dass man das Projekt dann abgeben muss – zugleich aber toll zu sehen, dass etwas wächst“, meint Rosa Mugler, die mit dem gesamten Team der Breuninger Stiftung den Beteiligungsprozess begleitete.

Reizwort Inklusion

Die Schwerpunktarbeit des Beirats liegt nun in der Umsetzung des Fokus-Aktionsplans. „Wir haben aus den diversen Maßnahmen des Plans eine Prioritätenliste für Stuttgart erstellt. Mit den drei am häufigsten genannten Maßnahmen soll nun die Umsetzung beginnen. Dazu zählen barrierefreier bezahlbarer Wohnraum, Barrierefreiheit im öffentlichen Raum und ein barrierefreier Online-Stadtführer“, erzählt Winfried Specht. „Denn wir können uns zur Gesellschaft nur zugehörig fühlen, wenn mindestens drei Dinge vereinfacht werden, die für normale Menschen ganz selbstverständlich sind: Wohnen, Verkehr und Orientierung.“ Erstaunlicherweise reagiert das blinde Beiratsmitglied bei der Bezeichnung „Inklusion“ sogar ein wenig unwirsch. „Inklusion ist für mich ein Reizwort. Denn wo Inklusion draufsteht, muss noch lange nicht Inklusion drin sein. Das Wort ist inzwischen fast schon ein Hype – dabei sollte es selbstverständlicher Alltag sein.“ Ein kritischer Geist also, der es mit dem gesamten Inklusionsbeirat nun in der Hand hat, das Wort „Inklusion“ mit praktischem Leben zu füllen.

http://www.stuttgart-inklusiv.de

Dieser Text wurde von der Texterkolonie für die NOOKEE (Magazin der Breuninger Stiftungsgruppe für Placemaking, Beziehungslernen und Beteiligung) 02/2017 geschrieben.